Mitsingen, egal wie!


Was man darf und was man nicht darf beim Kölner Karneval. Zehn Überlebenstipps, mit denen auch der Nicht-Kölner heil durch den Kölner Fasteleer kommt.

1.
Unterschätze das Kölsch-Glas nicht!
Am Friesenplatz gibt es eine Bar, deren Name die folgende Unterzeile ziert: "Bier und Essen". Das ist durchaus eine programmatische Aussage für das Kölner Kneipenwesen. Und nebenbei auch ein guter Ratgeber für das Verhalten während der "tollen Tage". Zwar sind Kölsch-Gläser "Stange") bei Nicht-Kölnern meist erst einmal ein Ziel des Spotts ("Was? So klein?!"). Doch lasse Dich nicht täuschen! Was so harmlos aussieht, kann einen Abend schnell zur rauschhaften Erfahrung werden lassen. Denn wer in einer echten Kölner Kneipe sitzt, wird bald feststellen: Der Köbes (Kellner) kommt schneller, als man sein Glas austrinken kann. Wundern Sie sich nicht, wenn er unaufgefordert ein Neues serviert. Das ist in Köln so üblich. Auf diese Weise hat man sehr bald eine üppige Menge Gerstensaft intus.

2.
Viel essen!
Daher gilt: Besonders zu Karneval erst einmal eine gute Grundlage schaffen. Was man in Köln so isst? So gut wie alles, kann man natürlich an dieser Stelle sagen, denn Köln ist weltoffen und auch kulinarisch recht vielfältig. Wer traditionell Schlemmen mag, sollte sich am besten an "Himmel un Ääd" halten (gebratene Blutwurst mit Kartoffelpürré), sich einen "Halven Hahn" bestellen (Käsebrötchen mit Senf und Zwiebeln, sehr deftig), oder gleich zur nächsten "Rievkooche"-Bude gehen Kartoffelpuffer, sehr fettig). Man sieht, der Kölner liebt es eher rustikal. Ob die Liebe zum Bier vom deftigen Essen kommt oder das Essen mit dem Bier, ist Interpretationssache. Prost und guten Hunger!

3.
Warm anziehen!
Die Kneipen sind natürlich erste Anlaufstelle zur Karnevalszeit. Aber auch draußen wird gefeiert, egal, wie das Wetter ist. Besonders die Karnevalszüge bieten einen unumgänglichen Anlaß, Stunde um Stunde in der Kälte auszuharren. Echte Kölner lassen sich die Session nicht vom Wetter vermiesen, und Klagen über den Regen und die Kälte sind nicht angesagt. Wenn der Alkohol nicht schon sein Übriges getan hat, greift man am besten zu den beliebtesten Gegenmitteln: Tanzen, Schunkeln und Singen.

4.
Als erster da sein!
Obwohl zu Karneval meistens eher nordische Temperaturen herrschen, stehen viele Rosenmontag schon einige Stunden vorher auf der Straße, um auf den gleichnamigen Zug zu warten. Die guten Plätze am Zugweg sind begehrt, und wer zu spät kommt, sieht von dem ganzen Spektakel nur die Spitzen der großen Wagen. Ein Tribünenplatz zählt als höchste Ehre, ist der kölschen Prominenz vorbehalten oder teuer zu erwerben und wird von Wachpersonal umsichtig bewacht. Also gilt: Früh aufstehen, ab auf den Alter Markt und mitschunkeln. An ein Verlassen des Standorts ist ab einem gewissen Zeitpunkt allerdings nicht mehr zu denken. Die Reihen sind so dicht wie die Leute, aus denen sie bestehen. Das hat den Vorteil, dass man sich gegenseitig wärmt und dabei eventuell auch neue Bekanntschaften macht...

5.
Nicht Wundern!
Kontaktnähe ist ohnehin ein besonderes Prädikat des rheinischen Frohsinns. Zur Karnevalszeit ist kein Problem, was sonst oft erst mit Hindernissen möglich ist: Mit wildfremden Menschen ins Gespräch zu kommen. In Köln wird man ohnehin schon des öfteren nachts an der Bahnhaltestelle angesprochen und zum Small-Talk aufgefordert. Aber zu Karneval herrscht wirklich eine geradezu hemmungslose Atmosphäre. Es wird gefeiert, die Stimmung ist gut, niemand fragt nach dem Grund, und allerorts herrscht gute Laune. Da kann es schon zu kuriosen Begegnugen kommen. Mancher fragt sich nachher, woher er die Leute überhaupt kennt, mit denen er durch die Straßen zieht. Aber das ist dann letztendlich auch ganz egal, denn das Wichtigste ist, das man Spaß hat und guter Laune ist. Groß Nachdenken ist in den meisten Fällen überflüssig...- das gilt auch für die Musik.

6.
Mitsingen, egal wie!
Das Kölner Liedgut ist im Grunde nichts anderes als ein unerschöpfliches Reservoir an Karnevals- und Schunkelliedern. Gruppen wie die "Höhner" oder die "Bläck Fööss" sind die Klassiker, ihre Lieder kennt jeder echte Jeck in- und auswendig. Das ist auch kein Wunder, sie werden ja unaufhörlich von morgens bis abends gespielt und gesungen, ohne dass die Wiederholung die Wirkung schmälern würde. Im Gegenteil, je öfter bekannte Töne erklingen, desto beschwingter ist das Gemüt des Kölners. Die musikalische Vielfalt gleicht für den "Imi" (den Nicht-Kölner) der Erfahrung, ein und dieselbe CD zehn Mal hintereinander zu hören. Der Kenner sieht das natürlich ganz anders. Er erkennt den unschätzbaren Vorteil, dass man, wenn ein neues Lied beginnt, ohne Unterbrechung weiter schunkeln kann. Gleiches gilt meistens für den Text, der auch zu später Stunde noch leicht mitzusingen ist. Kennen muss man auf jeden Fall die "Karawane". Dieses gutgelaunte Stück Kölner Stimmungsmusik, komponiert von den "Höhnern", trifft mit seinem Refrain "Die Karawane zieht weiter, der Sultan hät Doosch! ["Durst", Anm. d. Red.]" sowohl musikalisch als auch inhaltlich wie kaum ein anderes Lied den albern-lässigen Gestus rheinischer Gemütlichkeit ins Zentrum. Da heißt es auch für den Nicht-Kölner: Einfach mitsingen, egal was und wie! Den Text kriegt man irgendwann auch schon noch drauf...

7.
Kardinalfehler vermeiden!
Der Text ist nicht so wichtig - das ist generell zwar ganz richtig, in einigen Ausnahmen gilt jedoch das Gegenteil. Denn wenn zu Fastelovend mal gerade nicht gesungen oder "jebützt" ["geküsst"] wird, greift man allerorts auch auf allgemeine Schlachtrufe zurück. Der Kölner ruft da vorzugsweise den Leitspruch "Kölle Alaaf!". Das soll sich vor ein paar hundert Jahren als Trinkspruch druchgesetzt haben und bedeutet: "Köln über alles" (nach ein oder mehreren Bieren ergibt sich daraus wohl ein lallendes "Kölle Alaaf"...). Es wäre an diesem Punkt verhängnisvoll, der kölschen Tradition zuwider zu handeln. Wer etwa die Leichtsinnigkeit besitzt, auf offener Straße ein westfälisches "Helau!" auszurufen, begeht ein Sakrileg und muß die potentiellen Folgen selbst verantworten. Denn so tolerant der Kölner ist - was zu weit geht, geht zu weit... Also: Niemals Altbier bestellen!

8.
Keine Geschäfte!
Unvernünftig ist, wer sich über die tollen Tage gar geschäftliche Vorhaben im Terminkalender vermerkt. Das ist eine protestantische Haltung und kann im katholischen Köln niemals mit Ernst und Disziplin über die Bühne gehen. Auch das Lernen fürs Examen sollte man sich abschminken und sich dafür die Nase rot schminken. Denn wer nicht gerade im Nobelviertel Marienburg residiert, bekommt garantiert rund um die Uhr mit, was der Karneval so mit sich bringt: Trommelnde Buschmänner auf der Straße, Schunkelrhythmen aus Nachbars Radio und hin und wieder ein umherirrender Karnevalszug. Da kann kein Kölner ernsthaft die Fassung bewahren. Selbst in den Büros geht es ab Weiberfastnacht närrisch zu: Die Damen greifen zur Schere und kappen den Herren die Krawatten, und in so manchen Bürogebäuden wird auch mal ein Fässchen angeschlagen. Wo soll da bitte noch Zeit übrig sein für ernsthafte Arbeit? Im Zweifelsfalle ist doch ohnehin kaum jemand wirklich zurechnungsfähig.

9.
Nicht aufregen!
Die Karnevalstage können durchaus mit ungewohnten Erscheinungen einhergehen, die im Alltag Verärgerung hervorrufen würden. So ist es selbst in Köln normalerweise keine akzeptierte Gepflogenheit, seinen Müll auf die Straße zu werfen. Ab Weiberfastnacht wird dieser Punkt dann aber etwas lockerer gehandhabt. Die Mülleimer können die Mengen an Abfall gar nicht fassen, die sich auf den Straßen türmen. Rosenmontag wird der Müll sogar von großen Wagen aus auf die Straßen geworfen! Gleichzeitig laufen aber auch traditionell städtische Reinigungskräfte hinterher, die nachher wieder für Ordnung sorgen. Am besten ist es also, eine gepflegte Gelassenheit aufzubringen und das ganze Geschehen mit Verständnis zu betrachten. Das gleiche gilt für das Problem der Toiletten. Weit über einer Millionen Jecken stehen hilflos einige Dutzend Dixie-Tioletten gegenüber. Klar, dass es da zu Engpässen und Ausweichmanövern kommt...

10.
Auto stehen lassen!
Das Problem der Mobilität sollte man zu Karneval ebenfalls gelassen angehen. Der Versuch, mit dem Auto in die Stadt zu kommen, muss schon daran scheitern, dass spätestens Rosenmontag die gesamte Innenstadt gesperrt ist. Da kommt man selbst zu Fuß kaum noch durch. Es gibt sogar eine Stelle, an der der Festzug ein ganzes Viertel der Altstadt von der Umgebung abschneidet. Wer dort steht, stellt irgendwann fest, dass er nirgends weiterkommt. Spätestens in diesem Moment sollte einem klar werden, dass das Weiterkommen einen geringen Stellenwert im Karneval hat. Zum Feiern braucht man keine Wanderstiefel. Deswegen gilt: Nicht daran denken, wie man zurück nach Hause kommt, nicht daran glauben, dass die Straßenbahn pünktlich kommt, und erst mal fröhlich weiter feiern. Und erst, wenn das Fass leer ist, heißt es wieder: "Die Karawane zieht weiter..."

In diesem Sinne: Kölle Alaaf!

PS: Eigentlich müssten es ja, um jeck zu bleiben, elf Tipps sein. Darum hier noch eine kleine Anmerkung für Aschermittwoch:
Häng in der Nacht zum trübsten alle Tage nicht regungslos vor einer Kneipe rum, sonst kann es dir passieren, dass du als Nubbel verbrannt wirst...